Fachfremde Meinung im Betrieb: Wenn Kollegen alles besser wissen
Es gibt sie in praktisch jedem Unternehmen: Menschen, die zu fast jedem Thema eine Meinung haben – und erstaunlich häufig eine andere als die Person, die dafür tatsächlich verantwortlich ist. Eine fachfremde Meinung im Betrieb wäre an sich überhaupt kein Problem. Schließlich darf jeder seine Meinung haben. Interessant wird es erst dann, wenn aus der Meinung plötzlich vermeintliche Fachkompetenz wird und aus einer harmlosen Anmerkung eine regelmäßige Abwertung der Arbeit anderer.

Willkommen in der wunderbaren Welt der Besserwisser im Betrieb.
Hier treffen Fachwissen, Verantwortung und jahrelange Erfahrung auf spontane Eingebungen, Halbwissen und das unerschütterliche Selbstvertrauen desjenigen, der mit der Angelegenheit eigentlich überhaupt nichts zu tun hat.
Man könnte fast glauben, diese Menschen würden dafür bezahlt.
Tun sie aber nicht.
Das ist das Faszinierende.
Sie machen es freiwillig.
Je weniger Ahnung, desto größer die Gewissheit
Im betrieblichen Alltag scheint ein bemerkenswertes Naturgesetz zu gelten: Je weiter jemand fachlich von einem Thema entfernt ist, desto größer wird seine Sicherheit, genau zu wissen, wie es richtig gemacht werden müsste.
Der Verantwortliche hat vielleicht jahrelange Erfahrung, kennt die Abläufe, hat Vorschriften geprüft, verschiedene Möglichkeiten miteinander verglichen und muss am Ende sogar für seine Entscheidung geradestehen.
Der Kollege aus einer völlig anderen Abteilung hat davon ungefähr so viel Ahnung wie ein Goldfisch von Steuerrecht.
Und trotzdem kommt er nach kurzer Betrachtung zu einem eindeutigen Ergebnis:
„Das würde ich ganz anders machen.“
Natürlich würde er das.
Er muss es schließlich nicht machen.
Das ist ein entscheidender Vorteil.
Wer keine Verantwortung trägt, kann erstaunlich mutig sein. Er muss weder die praktischen Konsequenzen seiner Empfehlung berücksichtigen noch später erklären, warum seine vermeintlich geniale Lösung vielleicht doch nicht funktioniert hat.
Der Verantwortliche dagegen kennt die Details, Fallstricke und Konsequenzen. Der Gegenexperte kennt vor allem die angenehme Freiheit, nichts davon berücksichtigen zu müssen.
Für ihn ist die Welt wunderbar einfach.
Warum sollte man zehn komplizierte Zusammenhänge berücksichtigen, wenn man sie auch einfach ignorieren kann?
Am Ende steht dann die fachlich hochkomplexe Erkenntnis:
„Das kann doch nicht so schwierig sein.“
Dieser Satz wird besonders gerne von Menschen verwendet, die exakt wissen, wie einfach eine Aufgabe wäre, wenn sie sie nicht selbst erledigen müssten.
Fachwissen – dieses lästige Hindernis
Fachkompetenz im Unternehmen wird ohnehin überschätzt. Sie macht Menschen vorsichtig, zwingt sie dazu, Zusammenhänge zu berücksichtigen, und führt gelegentlich sogar dazu, dass sie Sätze sagen wie: „Das hängt davon ab“ oder „Das müsste ich mir erst genauer ansehen.“
Eine Katastrophe.
Der Gegenexperte hat es wesentlich leichter. Er braucht keine weiteren Informationen. Er benötigt nicht einmal die vollständige Fragestellung. Er hat bereits eine Meinung – und die ist fertig.
Das spart enorm viel Zeit.
Vor allem spart es die lästige Beschäftigung mit Fakten.
Während ein Verantwortlicher möglicherweise Stunden damit verbringt, verschiedene Möglichkeiten zu prüfen, kann der fachfremde Kommentator in wenigen Sekunden eine alternative Wahrheit produzieren.
Das ist betriebliche Effizienz in ihrer reinsten Form: jahrelange Erfahrung werden durch spontane Eingebung ersetzt.
Der Universal-Satz des Besserwissers
„Also, ich würde das ja ganz anders machen.“
Dieser Satz ist die Krönung der ungefragten Kritik am Arbeitsplatz. Er enthält weder eine konkrete Lösung noch eine Begründung und schon gar keine Verpflichtung, die behauptete Verbesserung anschließend selbst umzusetzen.
Trotzdem klingt er erstaunlich kompetent, wenn man ihn mit genügend Selbstbewusstsein vorträgt.
Man könnte ihn praktisch überall einsetzen: bei technischen Entscheidungen, organisatorischen Fragen, Arbeitsabläufen, Personalthemen und selbstverständlich bei Dingen, von denen man überhaupt nichts versteht.
Das macht ihn zu einem echten Universalwerkzeug.
„Ich will mich da ja nicht einmischen …“
Dieser Satz verdient einen Ehrenplatz im Museum der betrieblichen Kommunikation:
„Ich will mich da ja nicht einmischen, aber …“
Wer ihn hört, kann sich ziemlich sicher sein, dass nun genau das passieren wird.
Es folgt eine ausführliche Einmischung, garniert mit einer Bewertung der Arbeit des Verantwortlichen und gelegentlich noch einem kleinen Seitenhieb auf dessen angeblich mangelndes Verständnis für die einfachsten Dinge.
Die Tatsache, dass der Sprecher weder zuständig ist noch sämtliche Hintergründe kennt, wird dabei nicht als Hindernis betrachtet.
Im Gegenteil: Sie scheint geradezu Voraussetzung zu sein.
Denn wer alle Informationen kennt, könnte auf die unangenehme Idee kommen, die eigene Meinung zu hinterfragen.
Das wäre natürlich fatal.
Viel eleganter ist es, die vorhandenen Informationen durch das eigene Bauchgefühl zu ersetzen.
Wenn aus „Ich verstehe es nicht“ plötzlich „Das ist falsch“ wird
Ein besonders interessantes Phänomen bei Kollegen, die alles besser wissen, lässt sich beobachten, wenn ein Mitarbeiter eine Entscheidung nicht versteht.
Eigentlich wäre das ein völlig normaler Ausgangspunkt für ein Gespräch. Man könnte nachfragen, welche Gründe zu der Entscheidung geführt haben oder welche Informationen dahinterstehen.
Doch das setzt voraus, dass man bereit ist, eine Erklärung anzuhören.
Der betriebliche Gegenexperte nimmt deshalb gerne eine Abkürzung.
Aus „Ich verstehe es nicht“ wird kurzerhand „Das ist falsch“.
Eine bemerkenswerte geistige Leistung: Man überspringt einfach die lästige Phase des Verstehens und landet direkt beim Urteil.
Das spart Zeit, Fachwissen und vermutlich auch einiges an Selbstzweifeln.
Eine Frage hätte nämlich einen entscheidenden Nachteil: Sie könnte ergeben, dass die eigene Einschätzung bisher auf unvollständigen Informationen beruhte.
Eine Behauptung ist wesentlich komfortabler.
Wer behauptet, kann recht haben.
Wer fragt, könnte feststellen, dass er etwas nicht verstanden hat.
Und diese Erkenntnis ist für manche Menschen offenbar eine Zumutung.
Die nachträgliche Genialität
Besonders faszinierend wird es nach einer Entscheidung.
Hat der Verantwortliche eine Lösung gefunden und alles funktioniert, ist das Ergebnis selbstverständlich völlig normal. Schließlich musste es ja funktionieren.
Geht dagegen etwas schief, taucht zuverlässig jemand auf, der schon immer wusste, dass genau das passieren würde.
„Das habe ich doch gleich gesagt.“
Das ist ein bemerkenswerter Satz, denn er funktioniert unabhängig davon, ob er tatsächlich vorher gesagt wurde.
Manchmal wurde er gesagt. Manchmal wurde lediglich etwas Ähnliches angedeutet. Manchmal wurde überhaupt nichts gesagt.
Aber im kollektiven Gedächtnis des Betriebs spielt das keine große Rolle mehr.
Die eigene Vergangenheit wird schließlich nicht von Fakten bestimmt, sondern von der aktuellen Gelegenheit, recht zu behalten.
Vielleicht sollte man deshalb in Zukunft alle betrieblichen Aussagen protokollieren. Nicht aus Misstrauen, sondern aus wissenschaftlichem Interesse.
Es wäre spannend zu untersuchen, wie viele Menschen tatsächlich vor einer Entscheidung so sicher waren, wie sie es nach einer Entscheidung plötzlich behaupten.
Die Ergebnisse wären vermutlich revolutionär.
Verantwortung ist eine wunderbare Sache – solange sie jemand anderes trägt
Vielleicht erklärt sich daraus auch die besondere Beliebtheit fachfremder Ratschläge.
Es ist einfach, mutig zu sein, wenn man selbst nichts entscheiden muss.
Man kann Risiken ignorieren, weil man sie nicht trägt. Man kann Lösungen vorschlagen, deren praktische Umsetzung man nie erleben wird. Man kann Arbeitsabläufe kritisieren, ohne sie selbst organisieren zu müssen, und Entscheidungen beurteilen, ohne jemals die Informationen gehabt zu haben, auf deren Grundlage sie getroffen wurden.
Das ist ein bisschen wie ein Fußballspiel aus der Zuschauertribüne: Jeder sieht selbstverständlich, was der Spieler hätte besser machen müssen.
Nur leider bekommt der Zuschauer keinen Ball vor die Füße.
Das ist vermutlich auch ganz gut so.
Die komfortabelste Position im Unternehmen
Der fachfremde Kritiker befindet sich damit in einer beneidenswerten Position.
Er muss keine Entscheidung treffen, keine Konsequenzen tragen und keine Verantwortung übernehmen.
Er muss lediglich hinterher erklären, warum alles anders hätte gemacht werden müssen.
Das ist vermutlich die einzige Tätigkeit, bei der man gleichzeitig vollkommen überzeugt und vollkommen unzuständig sein kann.
Der Klassiker: „Das haben wir doch schon immer so gemacht“
Auch dieser Satz gehört zum Standardrepertoire der Besserwisser im Betrieb.
Interessanterweise wird er häufig von denselben Menschen verwendet, die wenige Minuten später erklären, dass man alles dringend ändern müsse.
Das hat nichts mit Widerspruch zu tun.
Das ist Flexibilität.
Man passt die Meinung einfach an die jeweilige Gelegenheit an.
Ist Veränderung gerade unerwünscht, war alles schon immer gut. Ist Veränderung gerade erwünscht, war alles schon immer schlecht.
Und wenn niemand mehr weiß, was eigentlich behauptet wurde, kann man sich jederzeit darauf berufen, dass man es „anders gemeint“ habe.
Eine wunderbare Eigenschaft für den modernen Arbeitsplatz.
Die betriebliche Wettervorhersage
Besonders zuverlässig sind diese Experten bei Prognosen.
Vor einer Entscheidung heißt es: „Kann ich mir nicht vorstellen.“
Nach einer erfolgreichen Entscheidung heißt es: „Na ja, das war ja auch zu erwarten.“
Nach einer gescheiterten Entscheidung heißt es: „Das war doch klar.“
Man könnte daraus einen neuen betriebswirtschaftlichen Beruf machen: den historischen Prognostiker.
Er sagt Ihnen heute zuverlässig, was er gestern schon immer gewusst hat.
Seine besondere Stärke liegt dabei nicht in der Vorhersage, sondern in der rückwirkenden Anpassung der eigenen Erinnerung.
Wenn Kritik zum Betriebssport wird
Natürlich ist Kritik am Arbeitsplatz notwendig. Ein Betrieb, in dem niemand widerspricht, wäre vermutlich ebenso problematisch wie einer, in dem jeder permanent widerspricht.
Der Unterschied liegt in der Absicht und in der Qualität des Widerspruchs.
Wer fragt, um etwas zu verstehen, hilft. Wer auf einen konkreten Fehler hinweist, hilft. Wer eine begründete Alternative vorschlägt, kann ebenfalls helfen.
Wer dagegen lediglich zeigen möchte, dass der Verantwortliche es angeblich nicht kann, produziert vor allem eines: Geräusch.
Und Geräusch ist noch lange kein Beitrag.
Manche Menschen scheinen allerdings davon auszugehen, dass die Lautstärke ihrer Kritik automatisch deren Qualität erhöht.
Das funktioniert ungefähr so wie bei einem defekten Rauchmelder: Er ist sehr laut, aber daraus folgt noch lange nicht, dass er etwas Sinnvolles mitteilt.
Vielleicht sollte man die Zuständigkeiten abschaffen
Wenn wir die Logik des Gegenexperten konsequent zu Ende denken, könnten wir die bisherigen betrieblichen Strukturen eigentlich vollständig abschaffen.
Warum noch Fachverantwortliche? Warum noch Qualifikationen? Warum noch Erfahrung? Warum noch Zuständigkeiten?
Wir könnten einfach jeden Mitarbeiter zu jedem Thema befragen und anschließend die lauteste Meinung umsetzen.
Das hätte sogar enorme Vorteile. Niemand wäre mehr verantwortlich, weil schließlich alle beteiligt waren. Niemand müsste sich fachlich auskennen, weil jeder seine Meinung äußern dürfte. Und niemand könnte mehr behaupten, er sei nicht gefragt worden.
Ein Paradies.
Oder, genauer gesagt: ein ganz normaler Montag.
Und dann gibt es noch die ganz besondere Spezies
Besonders beeindruckend sind diejenigen, die nicht nur anderer Meinung sind, sondern aus ihrer Gegenmeinung gleich eine Bewertung der Persönlichkeit des Verantwortlichen ableiten.
Wer widerspricht, ist „stur“. Wer auf seinem Fachwissen besteht, ist „uneinsichtig“. Wer nach Gründen fragt, ist „kompliziert“. Wer seine Entscheidung verteidigt, „kann keine Kritik vertragen“.
Und wer tatsächlich einmal sagt: „Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich“, ist vermutlich „nicht teamfähig“.
Das ist die elegante Kunst, jemanden so lange mit ungefragter Kritik zu überschütten, bis seine Reaktion anschließend als Beweis dafür dient, dass die Kritik berechtigt war.
Ein wunderbar geschlossenes System.
Meinungsfreiheit für Fortgeschrittene
Der Gegenexperte darf selbstverständlich seine Meinung haben. Unbedingt. Schließlich ist Meinungsfreiheit ein hohes Gut, und irgendwo muss man seine fachliche Unzuständigkeit ja schließlich ausleben dürfen.
Am besten dort, wo sie keinen Einfluss auf die Arbeit derjenigen hat, die tatsächlich dafür verantwortlich sind.
Noch besser wäre ein eigens dafür eingerichteter Raum: schalldicht, gut belüftet und mit ausreichend Platz für sämtliche ungefragten Einschätzungen, spontanen Verbesserungsvorschläge und nachträglichen „Ich-hab’s-doch-gesagt“-Erinnerungen.
Dort könnte jeder nach Herzenslust erklären, wie man alles anders, besser, schneller und selbstverständlich viel einfacher machen würde. Niemand müsste zuhören, niemand müsste widersprechen und vor allem käme niemand auf die gefährliche Idee, den Vorschlag tatsächlich umzusetzen.
Vielleicht sollten wir dankbarer sein
Denn eines muss man diesen Menschen lassen: Sie halten den Betrieb lebendig.
Sie sorgen dafür, dass keine Entscheidung einfach akzeptiert werden kann, dass niemand Gefahr läuft, sich auf seine Fachkompetenz zu verlassen, und dass jede erledigte Aufgabe noch einmal grundsätzlich diskutiert werden kann.
Der eine arbeitet, der andere erklärt ihm, warum er es nicht hätte tun sollen. Der eine trägt Verantwortung, der andere trägt seine Meinung. Der eine kennt die Hintergründe, der andere kennt jemanden, der mal etwas Ähnliches erlebt hat.
Und irgendwo dazwischen entsteht die betriebliche Wahrheit.
Das kleine Finale der großen Ahnungslosigkeit
Am Ende ist es eigentlich ganz einfach. Eine andere Meinung zu haben ist kein Problem. Keine Ahnung zu haben, ist ebenfalls kein Problem. Jeder weiß irgendwann einmal etwas nicht.
Problematisch wird es erst, wenn aus Unwissenheit Überzeugung wird, aus Überzeugung Autorität und aus Autorität schließlich die Gewohnheit, anderen Menschen ihre fachliche Arbeit schlechtzureden.
Dann wird aus einem Kollegen langsam eine eigene Institution: die Abteilung für ungefragte Wahrheiten.
Öffnungszeiten: immer. Fachliche Voraussetzungen: keine. Verantwortungsübernahme: ausgeschlossen. Selbsteinschätzung: hervorragend.
Und das Beste daran: Sollte die eigene Meinung irgendwann nachweislich falsch sein, muss man sich darüber keine Sorgen machen. Dann war es schließlich nur eine Diskussion. Sollte sie zufällig richtig gewesen sein, war man dagegen schon immer der Einzige, der es erkannt hatte.
So funktioniert betriebliche Unfehlbarkeit.
Und falls irgendwann tatsächlich jemand auftaucht, der fachlich etwas versteht, Verantwortung übernimmt und eine begründete Entscheidung trifft, sollte man ihn selbstverständlich nicht einfach arbeiten lassen. Das wäre schließlich viel zu einfach.
Man muss ihn erst einmal fragen, warum er das so macht. Dann kann man ihm erklären, dass man selbst das anders sieht. Und wenn er anschließend fragt, warum, kommt der entscheidende Satz:
„Keine Ahnung. Aber ich sehe das trotzdem anders.“
Damit wäre dann auch für heute wieder alles geklärt. Die Arbeit kann weitergehen – also zumindest die Arbeit derjenigen, die tatsächlich arbeiten.
