Die Verblödung des technischen Produktnamens

Die Verblödung des technischen Produktnamens – Wie SEO aus Kameras, Monitoren und Sensoren Textwüsten machte

Verwirrung im Büro des Verkaufers
Verwirrung im Büro des Verkaufers

Wer heute technische Produkte im Internet sucht, braucht manchmal mehr Geduld als bei der Lektüre einer Bedienungsanleitung:

  • Eine Industriekamera war früher einfach eine Industriekamera.
  • Ein Sensor war ein Sensor.
  • Ein Monitor war ein Monitor.

Heute begegnen uns stattdessen Produktnamen wie:

„Professionelle industrielle USB3 Machine Vision Kamera mit Sony IMX678 Sensor für Bildverarbeitung KI Deep Learning Industrie 4.0 Smart Factory Automatisierung Hochgeschwindigkeitsanwendungen Premium Vision System“

An diesem Punkt stellt sich eine berechtigte Frage:

Handelt es sich noch um einen Produktnamen oder bereits um die komplette SEO-Strategie des Unternehmens?

Wer heute technische Produkte im Internet sucht, braucht manchmal mehr Geduld als bei der Lektüre einer Bedienungsanleitung.

  • Eine Industriekamera war früher einfach eine Industriekamera.
  • Ein Sensor war ein Sensor.
  • Ein Monitor war ein Monitor.

Heute begegnen uns stattdessen Produktnamen wie:

„Professionelle industrielle USB3 Machine Vision Kamera mit Sony IMX678 Sensor für Bildverarbeitung KI Deep Learning Industrie 4.0 Smart Factory Automatisierung Hochgeschwindigkeitsanwendungen Premium Vision System“

An diesem Punkt stellt sich eine berechtigte Frage:

Handelt es sich noch um einen Produktnamen oder bereits um die komplette SEO-Strategie des Unternehmens?

Früher hatten Produkte Namen

Die Aufgabe eines Produktnamens war einmal erstaunlich simpel:

Er sollte ein Produkt identifizieren.

Beispiele:

  • IMX678 USB3 Kamera
  • M270 4K Monitor
  • TS100 ToF Sensor

Kurz. Präzise. Verständlich. Jeder wusste sofort, worum es geht.

Doch dann entdeckte die Marketingwelt die Suchmaschinenoptimierung.

Seitdem scheint die wichtigste Produkteigenschaft nicht mehr die Auflösung, die Bildqualität oder die Funktion zu sein.

Sondern die Anzahl der Keywords im Titel.

Die Vorstellung von Google als geistig überfordertem Praktikanten

Offenbar glauben viele Unternehmen, dass Google eine Art digitaler Goldfisch ist.

Die Suchmaschine sieht eine Produktseite mit:

  • Datenblatt
  • technischen Spezifikationen
  • Produktbeschreibung
  • PDF-Dokumentation
  • strukturierten Daten
  • Bildern

und denkt angeblich:

„Interessant. Aber woher soll ich wissen, dass das eine Kamera für Bildverarbeitung ist? Das Wort steht ja nur siebenmal auf der Seite.“

Also wird vorsichtshalber alles noch einmal in den Produkttitel gepackt.

Und zur Sicherheit noch ein zweites Mal.

Man möchte schließlich nichts riskieren.

Der Kunde war nie Teil des Plans

Das eigentliche Problem ist nicht Google.

Das eigentliche Problem ist, dass niemand mehr an den Leser denkt.

Ein Ingenieur sucht:

IMX678

Ein Einkäufer sucht:

eine bestimmte Modellnummer

Ein Entwickler sucht:

eine Schnittstelle oder Sensorgeneration

Niemand sucht:

„Premium Professional Advanced Intelligent Smart Vision Solution“

Trotzdem bestehen viele Produkttitel mittlerweile überwiegend aus genau solchen Begriffen.

Warum?

Weil sie hervorragend Platz verbrauchen.

Die große Kunst des Nichtssagens

Kaum etwas ist faszinierender als moderne Marketingbegriffe.

Sie können ganze Absätze füllen, ohne irgendeine Information zu transportieren.

Zu den Klassikern gehören:

  • Premium
  • Professional
  • Advanced
  • Smart
  • Intelligent
  • Innovative
  • Next Generation
  • High Performance
  • Enterprise Grade

Früher hatten diese Begriffe eine Bedeutung.

Heute kleben sie auf allem.

Vom Industriesensor bis zum USB-Kabel.

Wenn jedes Produkt „Premium“ ist, ist keines mehr Premium.

Die SEO-Abteilung und die Angst vor freien Zeichen

Manchmal entsteht der Eindruck, als hätten SEO-Abteilungen panische Angst vor freien Zeichen im Produktnamen.

Ein Titel mit 80 Zeichen? (Das wäre genau richtig)

Viel zu kurz.

120 Zeichen?

Gefährlich.

200 Zeichen?

Schon besser.

300 Zeichen?

Jetzt wird es professionell.

Irgendwo sitzt vermutlich ein Marketingmitarbeiter vor dem Bildschirm und denkt:

„Da ist noch Platz. Wir könnten noch ‚Machine Vision‘ einbauen.“

Fünf Minuten später:

„Eigentlich fehlt auch noch ‚Industrie 4.0‘.“

Zehn Minuten später:

„Deep Learning wäre vielleicht auch wichtig.“

Nach einer Stunde hat die Kamera einen längeren Namen als manche Diplomarbeit.

Produktvergleich als Extremsport

Der eigentliche Zweck eines Produktnamens besteht darin, Produkte voneinander zu unterscheiden.

Doch moderne SEO-Titel machen oft das Gegenteil.

Stellen wir uns vier Produkte vor:

  • Premium Industrial Vision Solution
  • Advanced Smart Imaging Platform
  • Professional AI Camera System
  • Intelligent Enterprise Vision Device

Welches Modell besitzt den gewünschten Sensor?

Welches unterstützt GigE?

Welches hat USB3?

Niemand weiß es.

Aber alle klingen, als würden sie demnächst die Weltherrschaft übernehmen.

Die Modellnummer – vom Hauptdarsteller zur Nebenrolle

Besonders tragisch ist das Schicksal der Modellnummer.

Für technische Kunden ist sie häufig die wichtigste Information überhaupt.

Doch inzwischen wird sie irgendwo zwischen zwanzig Marketingbegriffen versteckt.

Der Nutzer sucht:

IMX585

Der Shop zeigt:

Professional Industrial Machine Vision Camera Smart AI Solution Sony IMX585 Advanced Imaging Platform High Performance

Die entscheidende Information ist zwar vorhanden.

Man muss sie nur erst finden.

Das Datenblatt sitzt weinend in der Ecke

Dabei gibt es längst einen Ort für technische Informationen.

Das Datenblatt.

Dafür wurde es erfunden.

Dort gehören hinein:

  • Auflösung
  • Bildrate
  • Schnittstellen
  • Sensorgröße
  • Dynamikumfang
  • Leistungsaufnahme
  • Abmessungen

Der Produktname sollte dagegen genau eine Aufgabe erfüllen:

Das Produkt eindeutig benennen.

Nicht mehr.

Nicht weniger.

Die digitale Vermüllung des Internets

Millionen Produktseiten werden heute mit Text gefüllt, den kein Mensch freiwillig lesen würde.

Nicht weil die Informationen wichtig wären.

Sondern weil irgendwo die Hoffnung besteht, dadurch besser gefunden zu werden.

Das Ergebnis:

Mehr Wörter.

Weniger Klarheit.

Mehr Text.

Weniger Information.

Mehr SEO.

Weniger Nutzen.

Das Internet wird länger.

Aber nicht unbedingt besser.

Fazit

  • Der moderne SEO-Produktname ist eine bemerkenswerte Erfindung.
  • Er soll Suchmaschinen helfen, verwirrt aber Menschen.
  • Er soll Informationen liefern, versteckt aber die wichtigen Details.
  • Er soll Sichtbarkeit schaffen, macht Produkte aber schwerer vergleichbar.
  • Ingenieure suchen nach Modellnummern.
  • Entwickler suchen nach Spezifikationen.
  • Einkäufer suchen nach Fakten.

Nur die SEO-Abteilung sucht nach weiteren Keywords.

Und genau deshalb heißen viele technische Produkte heute nicht mehr wie Produkte, sondern wie die verzweifelte letzte Eingebung eines Marketingmeetings, das deutlich zu lange gedauert hat.

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