Eindeutige Terminologie – der unterschätzte Feind des organisierten Chaos
Oder: Warum sich Unternehmen lieber missverstehen, als sich auf Begriffe zu einigen
Es gibt Themen, bei denen jeder sofort zustimmt. Niemand diskutiert darüber, dass Wasser nass ist, Feuer heiß ist oder Montagmorgen grundsätzlich zu früh beginnt. Und dann gibt es Terminologie.

Alle behaupten, sie sei wichtig. Niemand kümmert sich darum.
Stattdessen wird in Unternehmen täglich eine sprachliche Parallelwelt erschaffen, in der ein und derselbe Gegenstand mehr Identitäten besitzt als ein Geheimagent im Kalten Krieg. Was gestern noch ein Artikel war, ist heute ein Produkt, morgen eine Komponente und übermorgen eine Business-Entity mit strategischem Wertschöpfungspotenzial. Wer nachfragt, was denn nun richtig sei, wird mit einem vielsagenden Blick bedacht, der übersetzt ungefähr bedeutet: „Das wissen wir auch nicht mehr, aber bitte bring das System jetzt nicht zum Absturz.“
Und genau an diesem Punkt beginnt die moderne Unternehmenskommunikation.
Die hohe Schule des gepflegten Missverständnisses
Man könnte meinen, Sprache sei erfunden worden, damit Menschen sich verständigen können. Das war vermutlich auch einmal der Plan.
Dann kamen Konzerne.
Dort gilt eine ganz einfache Regel: Je einfacher ein Begriff ist, desto komplizierter muss er gemacht werden. Eine Schraube darf niemals einfach eine Schraube sein. Sie ist ein Verbindungselement, ein Materialstamm, eine Lagerposition, eine Baugruppe oder – wenn ein Berater anwesend ist – ein physisches Asset innerhalb einer wertschöpfenden Supply-Chain-Struktur.
Der eigentliche Zweck dieser sprachlichen Akrobatik ist bis heute ungeklärt. Vermutlich soll verhindert werden, dass neue Mitarbeiter bereits in der ersten Woche verstehen, was eigentlich passiert. Das würde die Unternehmenskultur empfindlich stören.
Missverständnisse sind kein Fehler – sie sind ein Geschäftsmodell
Die Wirtschaft wäre ohne uneindeutige Terminologie vermutlich nur halb so groß.
Denken wir nur an die zahllosen Meetings, in denen Erwachsene mit Hochschulabschluss diskutieren, ob ein Kunde bereits Kunde ist, wenn er Interesse zeigt, oder erst dann, wenn er bezahlt hat. Manche Unternehmen schaffen es sogar, diese Frage über mehrere Quartale offen zu halten.
Das nennt man dann Strategie.
Manchmal entstehen daraus Arbeitsgruppen. Arbeitsgruppen gründen Lenkungskreise. Lenkungskreise bilden Projektteams. Projektteams erstellen PowerPoint-Präsentationen. PowerPoint-Präsentationen erzeugen weitere Fragen.
So entsteht nachhaltige Wertschöpfung.
Ein eindeutiges Glossar hätte dieses Wirtschaftswunder innerhalb von fünf Minuten zerstört.
Die IT – der Ort, an dem schlechte Terminologie unsterblich wird
Programmierer gelten als logisch denkende Menschen. Das stimmt ungefähr bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Datenbanken benennen.
Dort findet man Tabellen wie DATA, DATA_NEW, DATA_NEW2, DATA_FINAL, DATA_FINAL_NEU, DATA_FINAL_WIRKLICH und DATA_FINAL_WIRKLICH_JETZT_ABER_EHRLICH.
Niemand weiß mehr, welche Tabelle verwendet wird. Deshalb verwendet man sicherheitshalber alle gleichzeitig.
Ebenso faszinierend sind Feldnamen. Ein Entwickler schreibt „Customer“, der nächste „Client“, der dritte „Partner“, der vierte „User“ und der fünfte entscheidet sich für „Objekt“. Jahre später verbringt ein Projektteam mehrere Monate damit herauszufinden, warum Rechnungen an Maschinen verschickt werden und Benutzerkonten plötzlich im Lagerbestand auftauchen.
Die eigentliche Ursache ist natürlich nie die Terminologie.
Es ist immer die Schnittstelle.
Schnittstellen können sich bekanntlich nicht verteidigen.
Dokumentationen – geschrieben in einer Sprache, die nie jemand gesprochen hat
Dokumentationen sind faszinierende Werke.
Sie bestehen aus Wörtern, die einzeln verständlich sind, gemeinsam jedoch jede bekannte Form menschlicher Kommunikation verlassen.
Ein Satz wie:
„Die statusabhängige Objektinstanz wird innerhalb der mandantenfähigen Prozessarchitektur validiert.“
erzeugt beim Leser zwei Gedanken.
Der erste lautet: „Das klingt wichtig.“
Der zweite lautet: „Ich habe keine Ahnung, was ich gerade gelesen habe.“
Damit hat die Dokumentation ihren Zweck vollständig erfüllt.
Verständlichkeit wäre schließlich ein Zeichen mangelnder Professionalität.
Digitalisierung – Hauptsache, es sieht teuer aus
Kaum ein Unternehmen verzichtet heute auf die großen Schlagworte.
Cloud.
KI.
Automatisierung.
Big Data.
Data Lake.
Digital Twin.
Smart Factory.
Hyperautomation.
Je mehr englische Begriffe auf einer Folie stehen, desto größer scheint der Innovationsgrad zu sein.
Dass dieselben Daten gleichzeitig als Artikel, Produkt, Material, SKU, Position, Objekt und Einheit gespeichert werden, interessiert dabei erstaunlich wenige Menschen.
Stattdessen wundert man sich später, warum die künstliche Intelligenz aus zehn Schrauben einen Kühlschrank macht und das Lagerverwaltungssystem einen Weihnachtsbaum als Gefahrgut klassifiziert.
Die Technik funktioniert meistens hervorragend.
Sie versteht nur leider dieselben Begriffe genauso wenig wie die Menschen, die sie eingeführt haben.
Die größte Bedrohung für die Bürokultur
Man stelle sich einen Moment lang vor, Begriffe wären eindeutig definiert.
Jeder würde sofort verstehen, worüber gesprochen wird.
Meetings wären nach zwanzig Minuten beendet.
Dokumentationen wären lesbar.
IT-Projekte würden pünktlich abgeschlossen.
Schnittstellen würden funktionieren.
Support-Tickets würden verschwinden.
Die Hälfte aller E-Mails wäre überflüssig.
PowerPoint-Präsentationen hätten plötzlich weniger als hundert Folien.
Berater müssten echte Probleme lösen.
Ein erschreckendes Szenario.
Zum Glück verhindert die uneinheitliche Terminologie zuverlässig jede derartige Entwicklung und bewahrt die traditionelle Bürokultur vor unnötiger Effizienz.
Konklusion
Eine eindeutige Terminologie ist keine akademische Spielerei und kein Hobby für Pedanten. Sie ist die Grundlage dafür, dass Menschen, Prozesse und Systeme überhaupt miteinander kommunizieren können.
Wer Begriffe sauber definiert, spart Zeit, Geld und Nerven.
Wer darauf verzichtet, produziert Missverständnisse, Workshops, Eskalationen, Folgeworkshops, Taskforces, Lenkungsausschüsse und PowerPoint-Präsentationen mit dem Titel „Definition der Definitionen – Version_final_8_korrigiert_final.pdf“.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Terminologie vielerorts so stiefmütterlich behandelt wird.
Denn nichts hält eine Organisation zuverlässiger beschäftigt als Menschen, die stundenlang darüber diskutieren, was sie eigentlich mit demselben Wort gemeint haben.
