Der Krieg gegen das Leerzeichen

Das Leerzeichen, der natürliche Feind des „1m“-Schreibers

„1 m“ zu schreiben, ist, als würde man mit Socken in Sandalen zur Hochzeit erscheinen.

Der Krieg gegen das Leerzeichen, von Ben Delarosa
Der Krieg gegen das Leerzeichen

Zwischen Zahl und Einheit gehört ein Leerzeichen. Punkt. Also „1 m“, „80 kg“ und „3 h“ – nicht „1m“, „80kg“ oder „3h“. Trotzdem wird das kleine Leerzeichen von manchen Menschen behandelt, als wäre es eine staatliche Zwangsabgabe auf Tastendrücke.

Das Lieblingsargument lautet dabei stets: „Die Leute wissen doch, was gemeint ist.“ Das stimmt. Die Leute wissen auch, was gemeint ist, wenn jemand „Standart“, „gibs“ oder „Packet“ schreibt. Verständlichkeit ist jedoch keine Auszeichnung, sondern lediglich die niedrigste Hürde, die ein Text überspringen muss.

Die Wahrheit ist: Das Leerzeichen kostet nichts, tut niemandem weh und verlangt lediglich einen einzigen Tastendruck. Wer stundenlang die Verteidigung von „1m“ diskutiert, investiert meist deutlich mehr Energie in die Rechtfertigung des Fehlers als in dessen Vermeidung.

Kurzum: Das Leerzeichen zwischen Zahl und Einheit ist keine optionale Dekoration, sondern die korrekte Schreibweise. Wer „ein Hund“ schreiben kann, sollte auch mit „1 m“ zurechtkommen. Alles andere wirkt weniger wie Zeitersparnis und mehr wie ein sehr öffentliches Bekenntnis zur Bequemlichkeit.

Es gibt Menschen, die Berge besteigen. Es gibt Menschen, die Marathon laufen. Es gibt Menschen, die sich freiwillig durch die Bedienungsanleitung eines Druckers lesen.

Und dann gibt es Menschen, die mit erstaunlicher Entschlossenheit jedes Leerzeichen zwischen Zahl und Einheit bekämpfen.

Nicht aus Versehen. Nicht gelegentlich. Sondern konsequent. Missionarisch.

Mit einer Hingabe, die man sonst nur bei Verschwörungstheoretikern und Besitzern von Bluetooth-Headsets aus dem Jahr 2007 beobachtet.

„Die Leute wissen doch, was gemeint ist“

Der Standardspruch. Der Klassiker.

Der Endgegner jeder Diskussion über Rechtschreibung.

Sobald jemand darauf hinweist, dass man „1 m“ und nicht „1m“ schreibt, dauert es ungefähr sieben Sekunden, bis irgendwo jemand erscheint und verkündet:

„Die Leute wissen doch, was gemeint ist.“

Natürlich wissen sie das.

Die Leute wissen auch, was gemeint ist, wenn ein Dreijähriger mit Nudeln in den Haaren auf einen Keks zeigt und „Haben!“ schreit.

Die Leute wissen auch, was gemeint ist, wenn jemand schreibt:

  • „gibs“
  • „Packet“
  • „Standart“
  • „einzigste“

Die Leute verstehen unglaublich viel. Das liegt aber nicht daran, dass alles richtig geschrieben wurde. Das liegt daran, dass Menschen erstaunlich tolerant gegenüber sprachlichem Vandalismus sind.

Verständlichkeit ist keine Auszeichnung

Manche Menschen behandeln Verständlichkeit wie eine olympische Goldmedaille. Dabei ist sie lediglich die Eintrittskarte.

Verständlich zu sein ist ungefähr so beeindruckend wie bei einer Fahrprüfung nicht frontal in ein Autohaus zu fahren.

Es ist nicht die Höchstleistung. Es ist die Mindestanforderung.

Wenn „Man versteht es doch“ ein ernstzunehmendes Qualitätskriterium wäre, könnten wir sämtliche Regeln abschaffen.

  • Warum Satzzeichen?
  • Warum Groß- und Kleinschreibung?
  • Warum Absätze?
  • Warum überhaupt Wörter trennen?

Dann schreiben wir künftig einfach:

bittebringenSiedreiBrötchenzweiLiterMilchund500gButtermitdanke

Man versteht doch, was gemeint ist.

Problem gelöst.

Deutsche Sprache erfolgreich optimiert.

Der schwerste Tastendruck der Menschheitsgeschichte

Schauen wir uns die Herausforderung einmal an.

  • 1 m
  • 80 kg
  • 175 cm
  • 3 h
  • 1m
  • 80kg
  • 175cm
  • 3h

Der Unterschied?

Ein Leerzeichen.

Ein einziges.

Nicht drei Seiten Papierkram.

Nicht eine Steuerprüfung.

Nicht die Einrichtung eines WLAN-Druckers.

Ein Leerzeichen.

Ein Tastendruck.

Eine Bewegung des Daumens.

Eine körperliche Belastung, die ungefähr dem Umblättern einer Serviette entspricht.

Und trotzdem verhalten sich manche Menschen, als würde man von ihnen verlangen, den Jakobsweg rückwärts auf Rollschuhen zurückzulegen.

Die Ausreden werden immer kreativer

„Das spart Zeit.“

Nein.

Tut es nicht.

Selbst wenn du ab deinem zehnten Lebensjahr jedes einzelne Leerzeichen zwischen Zahl und Einheit weglässt, wirst du bis zu deinem Tod ungefähr drei Sekunden einsparen.

Vier, wenn du besonders fleißig bist.

Der durchschnittliche Mensch verliert mehr Zeit beim Versuch, eine Chipstüte zu öffnen.

„Das ist doch nur eine Kleinigkeit.“

Korrekt.

Es ist eine Kleinigkeit.

Deshalb ist es ja so bemerkenswert, dass ihr sie zuverlässig falsch macht.

Niemand würde stolz verkünden:

„Ja, ich binde meine Schuhe falsch. Aber das ist doch nur eine Kleinigkeit.“

Trotzdem wird bei „1m“ plötzlich so getan, als stünde die Freiheit des Abendlandes auf dem Spiel.

„Ich mache das schon immer so.“

Auch das ist kein Argument.

Menschen haben jahrhundertelang geglaubt, dass Aderlass eine gute medizinische Idee sei.

Tradition allein ist kein Gütesiegel.

Warum schreibt eigentlich niemand „einHund“?

Hier wird es interessant.

Denn dieselben Menschen, die ohne zu zögern „80kg“ schreiben, würden niemals schreiben:

  • einHund
  • dreiAutos
  • fünfKartoffeln
  • meinNachbarhatwiederdieMülltonnenvergessen

Warum nicht?

Weil es bescheuert aussieht.

Genau deshalb.

Man erkennt sofort, dass Sprache aus einzelnen Bausteinen besteht.

Und diese Bausteine trennt man.

Mit Leerzeichen.

Eine Technik, die sich überraschend bewährt hat.

Seit Jahrhunderten.

Komischerweise verliert diese Erkenntnis ihre Gültigkeit exakt an der Stelle, an der Maßeinheiten auftauchen.

Plötzlich heißt es:

„80kg“

Als hätte die Physik beschlossen, eigene Grammatikregeln einzuführen.

„Aber was ist mit dem 10kg-Sack?“

Spätestens an diesem Punkt taucht jemand auf, der glaubt, die gesamte Diskussion mit einem einzigen Beispiel beenden zu können:

„Aha! Aber man schreibt doch 10kg-Sack!“

Herzlichen Glückwunsch. Du hast ein zusammengesetztes Wort gefunden.

Leider ist das kein Beweis dafür, dass „10kg“ als alleinstehende Maßangabe richtig ist.

Bei Begriffen wie „10kg-Sack“, „5m-Brett“ oder „3h-Regel“ wird die Zahl mit der Einheit Teil eines größeren Wortes. Dafür gelten andere Regeln als bei einer normalen Maßangabe.

Aus „10kg-Sack“ abzuleiten, dass deshalb auch „10kg“ korrekt sein müsse, ist ungefähr so logisch, wie aus „Hundehütte“ zu schließen, dass man künftig auch „einHund“ schreiben darf.

Niemand würde ernsthaft argumentieren:

„Es gibt das Wort Hundehütte. Also ist einHund völlig in Ordnung.“

Weil jeder sofort erkennt, dass das Unsinn ist.

Genauso unsinnig ist die Vorstellung, ein zusammengesetztes Wort könne die Schreibweise einer eigenständigen Maßangabe verändern.

Ein „10kg-Sack“ bleibt ein „10kg-Sack“.

Aber der Sack wiegt trotzdem 10 kg.

Das Leerzeichen wurde also nicht abgeschafft. Es macht lediglich eine kurze Pause, bis es außerhalb des zusammengesetzten Wortes wieder seinen Dienst antreten darf.

Das arme Leerzeichen

Man muss sich das Leerzeichen einmal vorstellen.

Es verlangt nichts.

Es kostet nichts.

Es nimmt niemandem etwas weg.

Es sitzt friedlich zwischen Zahl und Einheit und sorgt dafür, dass Texte lesbar bleiben.

Es ist gewissermaßen der Hausmeister der Schriftsprache.

Unauffällig.

Hilfsbereit.

Nie im Mittelpunkt.

Und trotzdem wird es behandelt wie ein Versicherungsvertreter, der sonntags um sechs Uhr morgens klingelt.

Wo endet das?

Heute schreiben wir:

1m

Morgen schreiben wir:

25kgKartoffeln

Übermorgen:

3hSchlaf

Und irgendwann steht auf dem Einkaufszettel:

BittebringenSie2lMilch500gButter12Eier3kgKartoffelnund1PackungNudelnmit.

Dann beginnt plötzlich das große Gejammer.

„Das kann doch kein Mensch lesen!“

Doch.

Natürlich kann man das lesen.

Man versteht doch, was gemeint ist.

Das war doch eben noch das Argument.

Ein letzter Appell

Liebe Verfasser von:

  • 1m
  • 80kg
  • 175cm
  • 3h

Niemand verlangt Perfektion. Jeder macht Fehler. Darum geht es nicht.

Es geht darum, dass das Leerzeichen buchstäblich die einfachste Korrektur der deutschen Sprache ist.

Man muss nichts lernen. Nichts nachschlagen. Nichts recherchieren.

Man muss lediglich die längste Taste auf der Tastatur drücken.

Wenn selbst das zu viel verlangt ist, sollten wir vielleicht aufhören, von Zeitersparnis zu sprechen und anfangen, über Faulheit zu reden.

Das Leerzeichen hat euch nichts getan.

Es hat nie gegen euch gearbeitet.

Es hat nie eure Familie beleidigt.

Es möchte einfach nur zwischen einer Zahl und einer Einheit stehen.

Gebt ihm diesen Platz.

Es hat ihn sich verdient.

Anmerkung: Auch der Verfasser dieses Artikels macht gelegentlich Rechtschreibfehler – mit dem Unterschied, dass er sie als Chance zum Lernen sieht und nicht als Dauerzustand.

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