Die wundersame Vermehrung der Sofort-Webdesigner

Die wundersame Vermehrung der Sofort-Webdesigner

Es passiert meist über Nacht. Gestern noch konnte Kevin kaum einen Drucker installieren. Heute ist er Creative Director, UX-Experte, Markenstratege und selbsternannter Pixelpapst.

Der Pixelpapst im Design-Dschungel
Der Pixelpapst im Design-Dschungel

Niemand weiß, wann genau die Verwandlung beginnt. Vermutlich reicht ein Nachmittag mit Canva, drei YouTube-Videos und das erfolgreiche Verschieben eines Logos um zwei Pixel nach links. Danach gibt es kein Halten mehr.

Plötzlich tauchen sie überall auf.

„Mach das Logo größer.“

„Die Schrift könnte moderner sein.“

„Kannst du das nicht einfach schöner machen?“

„Ich würde da noch ein bisschen Farbe reinbringen.“

Der Satz „Ich bin zwar kein Designer, aber…“ ist dabei ungefähr so glaubwürdig wie: „Ich bin zwar kein Chirurg, aber schneiden Sie doch einfach da auf.“

Besonders faszinierend ist ihre grenzenlose Zuversicht. Während echte Web- und Grafikdesigner sich Gedanken über Benutzerführung, Lesbarkeit, Farbpsychologie, Typografie, Barrierefreiheit, Markenidentität, technische Umsetzbarkeit und Zielgruppen machen, besteht die Analyse der Hobbyexperten aus einer beeindruckenden Tiefe:

„Das wirkt irgendwie… komisch.“

Aha.

Das hilft natürlich enorm.

„Es sind doch nur zwei Klicks.“

Der inoffizielle Leitspruch aller Menschen, die noch nie professionell mit Web- oder Grafikdesign gearbeitet haben.

„Mach das Logo einfach größer.“

„Verschieb den Button nach links.“

„Nimm eine andere Schrift.“

„Änder mal eben die Farbe.“

„Das sind doch nur zwei Klicks.“

Stimmt.

Und ein Haus abzureißen ist auch nur ein Knopfdruck – wenn der Bagger schon bereitsteht.

Was dabei gern übersehen wird: Die zwei Klicks sind nicht das Problem. Die zwei Stunden davor und die drei Stunden danach sind es.

Denn jede „kleine Änderung“ zieht einen Rattenschwanz hinter sich her. Plötzlich passt das Layout nicht mehr. Der Zeilenumbruch verrutscht. Auf dem Smartphone sieht alles furchtbar aus. Das Corporate Design wird verwässert. Der Kunde möchte die Änderung doch wieder rückgängig machen. Und anschließend soll Version eins mit den Farben von Version drei und der Schrift aus Version fünf kombiniert werden.

Aber klar.

Es waren ja nur zwei Klicks.

Die größte Zeitverschwendung ist nicht das Design – sondern das Gerede darüber

Der eigentliche Schaden entsteht allerdings nicht durch die fragwürdigen Ideen. Geschmäcker sind schließlich verschieden.

Der Schaden entsteht durch die Zeit.

Denn jeder dieser spontanen Geistesblitze möchte diskutiert werden.

„Kannst du mal eben…“

„Ich hätte da noch eine Idee…“

„Nur eine Kleinigkeit…“

„Kostet doch nur fünf Minuten.“

Fünf Minuten.

Der wahrscheinlich größte Mythos der Kreativbranche.

Aus fünf Minuten werden zwanzig. Daraus wird eine halbe Stunde. Dann wird erklärt, warum Comic Sans „doch irgendwie sympathischer wirkt“. Anschließend wird das bereits fertige Layout komplett auf links gedreht, nur um zwei Tage später festzustellen:

„Eigentlich war die erste Version doch besser.“

Ach was.

Währenddessen sitzt der Designer daneben und überlegt, ob ein Berufswechsel zum Schäfer nicht doch die entspanntere Karriere gewesen wäre.

Plötzlich sind alle Experten

Interessant ist auch die unglaubliche Fachkompetenz, die wie aus dem Nichts in jedem Meeting entsteht.

Der Vertrieb kennt sich mit Typografie aus.

Die Buchhaltung entwickelt Farbkonzepte.

Der Hausmeister hat Ideen für das Responsive Design.

Der Praktikant hat irgendwo gelesen, dass „mehr Animationen heutzutage voll wichtig sind“.

Und der Geschäftsführer hat am Wochenende einen Artikel über künstliche Intelligenz gelesen und weiß jetzt selbstverständlich auch, wie modernes Webdesign funktioniert.

Natürlich alles völlig selbstverständlich.

Denn Design kann schließlich jeder.

Genauso wie Buchhaltung, Elektrotechnik oder Herzchirurgie.

Man stellt sich ja auch nicht neben einen Fliesenleger und sagt:

„Ich würde die Fugen etwas emotionaler gestalten.“

Oder zum Steuerberater:

„Die Zahlen könnten etwas freundlicher aussehen.“

Oder zum Elektriker:

„Mach doch einfach mehr Strom drauf.“

Nein.

Weil dort jeder akzeptiert, dass hinter der Arbeit Fachwissen steckt.

Nur beim Design scheint jeder morgens aufzuwachen und zu denken:

„Heute bin ich Art Director.“

Das große Finale

Nach stundenlangen Diskussionen, zwanzig Änderungswünschen und unzähligen „Verbesserungsvorschlägen“ kommt zuverlässig der Schlusssatz:

„Das hätte ich auch gekonnt.“

Natürlich.

Und ich hätte vermutlich auch die Mondlandung organisieren können. Ich hatte nur gerade keine Zeit.

Direkt gefolgt von:

„Wieso dauert das denn so lange?“

Weil die zwei Klicks nie das Problem waren.

Das Problem sind die 37 ungefragten Ideen davor.

Vielleicht sollten wir uns darauf einigen, dass jeder seinen Beruf macht und Fachleute ihre Arbeit erledigen lässt. Denn gutes Design entsteht nicht durch möglichst viele Meinungen, sondern durch Erfahrung, Wissen und zahllose Entscheidungen, die am Ende niemand bemerkt – weil sie einfach funktionieren.

Und genau das ist vermutlich die größte Tragödie:

Wirklich gutes Design fällt den meisten erst dann auf, wenn irgendein selbsternannter Gestaltungsguru beschlossen hat, es „noch ein bisschen zu verbessern“.

Oder, um es in ihrer Sprache zu sagen:

„Das sind doch nur zwei Klicks.“

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